Liebe alle!

Es ist wieder mal an der Zeit, einen Blick zurück zu werfen und das eine oder andere Erlebnis in einem kurzen Bericht festzuhalten, denn mittlerweile sind wir – ja, auch wir können es kaum glauben – bereits über siebeneinhalb Monate unterwegs. Vieles hat sich eingespielt in unserem Reisealltag und dennoch ist kein Tag wie ein anderer. Wir entdecken immer wieder viel Spannendens, Schönes, Bewegendes was uns bestärkt, weiter in die Pedale zu treten.

 

Die unschönen Erlebnisse während der geführten Tour durch die Mongolei haben wir inzwischen verdaut, dies zumindest fast. Nach wie vor ziehen sich bei uns die Magennerven zusammen, wenn wir an das ohnmächtige Gefühl des Ausgeliefertseins denken, an die holprigen Stunden im maroden Bus und die beiden Begleitpersonen. Umso schöner war es für uns, dass wir danach wieder auf eigene Faust losziehen konnten. Zwar haben wir dank Fahrer und Guide umwerfende Landschaften entdeckt, die wir sonst nicht gesehen hätten. Dennoch war es eine richtige Freude, ja gar Wohltat, nach der Holperpartie wieder selber bestimmen zu können und vor allem wieder im Sattel unserer tollen Räder zu sitzen. Die erste Gelegenheit bot sich auf einer wöchigen Tour rund um den Hustai Nuruu Nationalpark. In diesem westlich von Ulaanbaatar gelegenen Park leben die letzten Bestände der Urpferde, der sogenannten der Przewalski-Pferde. Unser Plan war es, den Park zuerst zu umrunden und dann von der Nordseite her zu besuchen um so vielleicht den einen oder anderen Blick auf die Wildpferde zu erheischen.

 

Kaum aus der Grossstadt heraus geradelt, genossen wir die Ruhe, die Einsamkeit und die Abgeschiedenheit der mongolischen Steppe. Mit unseren für mehrere Tage mit Wasser und Proviant beladenen Rädern holperten wir über staubige und teils sandige Pisten, durchquerten Flussläufe und hielten Ausschau für schöne Plätze zum Übernachten. Dies war im Übrigen gar nicht so einfach, denn uns gefiel es fast überall sehr. Immer wieder hielten wir inne und genossen die Weite des überwältigenden Tuul-Tals. Unsere Reiseroute richteten wir nicht zuletzt auch nach den sehr spärlich vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten unterwegs. Trotzdem schauten wir immer mal wieder bei einer Jurte vorbei um unsere beschränkten Wasservorräte zu ergänzen. Von den Nomaden wurden wir stets herzlich empfangen und nicht selten zu Milchtee und Quark eingeladen. Vom Verkosten von Airag (vergorene Stutenmilch) wurden wir zum Glück verschont. Leider war die Verständigung schwierig und so haben wir nur wenig vom Leben der Menschen auf dem Land erfahren. Verdankt haben wir deren Gastfreundschaft mit Süssigkeiten oder anderen kleinen Geschenken. Spätestens seit da wissen wir nun, dass unser Wasserverbrauch bei rund 6 bis 7 Liter pro Person und Tag liegt, dies bei Tagestemperaturen von 30 und mehr Grad. Um unsere mitgeführten Wassersäcke waren wir auf jeden Fall mehr als froh. Auf die Frage, weshalb wir das Wasser nicht aus dem Fluss genommen und aufbereitet haben gibt es eine einfache Antwort. Der Tuul-Fluss fliesst zuvor durch das flussaufwärtsliegende Ulaanbaatar, da erübrigt sich jede weitere Erklärung. A propos Tuul-Fluss: Die Frage ob die in unserer Karte eingezeichnete Brücke über den Fluss tatsächlich existiert und wir nicht wie auf der geführten Tour mit unseren beiden Helden wegen dem Nichtvorhandensein einer Brücke einen unendlich lagen und holprigen Umweg fahren mussten, können wir bejahen. Die Brücke ist da, gut passierbar und unser Vorhaben konnte somit wie geplant weitergehen. Leider mussten wir auch auf unserer Kurztour feststellen, dass Vodka das Leben einiger Nomaden sehr negativ beeinflusst. So schlugen wir die Einladung des bereits am frühen Vormittag torkelnden Hirten dankend aus und traten stattdessen kräftig in die Pedale um so seinem lauten Missfallen hinsichtlich unserer Ablehnung ein Ende zu setzen.

 

Leider war es uns vergönnt den Nationalpark schlussendlich auch zu besuchen. Tiefer Sand setzte unserem Vorhaben ein jähes Ende. Ein Vorwärtskommen war mit den bepackten Rädern nicht mehr möglich und so mussten wir uns mit den Bildern der Przewalskis aus unserem Reiseführer begnügen. Nach einer weiteren Zeltnacht in unmittelbarer Nähe des Nationalparks fuhren wir zurück in Richtung Ulaanbaatar. Staubig (am Rande von Ulaanbaatar gab es eine 8km lange Baustelle, die passender den Namen „Staubstelle“ verdient hätte), stinkig (ja wir waren ein paar Tage unterwegs...) und müde (die letzte Etappe war aufgrund des Gegenwindes anstrengender als geplant) klopften wir erneut bei Amraa und Baagii an.

 

Auf Anraten von Amraa besuchten wir nach einem Ruhetag in Ulaanbaatar den Terelj-Nationalpark. Amraa organisierte für uns Fahrer inklusive Auto, wir dagegen besorgten den entsprechenden Proviant. Auf halbem Weg passierten wir die überdimensionierte Khaan-Statue mit integriertem Museum. Der Anblick war mehr als beeindruckend und trotzdem war das Ganze irgendwie fehl am Platz. In Nationalpark selber staunten wir nicht schlecht ob den bizarren Gesteinsformationen. Sowohl die Schildkröte sowie der lesende Mönch waren deutlich zu erkennen. Die Natur vollbringt wirklich wahre Wunder.

 

Kaum zurück im Grossstadtverkehr von Ulaanbaatar durften wir einmal mehr feststellen, dass die Mongolen wirklich wirklich anders ticken als wir Westler. Im Stau stehen geht beispielsweise gar nicht. Stattdessen werden irrwitzige Irr- und Umwege in und durch Quartiere gesucht. Mögliche Beschädigungen am Fahrzeug (eine Unterscheidung zwischen Geländefahrzeug und normalem PW existiert anscheinend nicht; haben wir übrigens mehrfach festgestellt...) werden dabei ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf genommen. Einem Toyota Prius geht halt nun mal früher die Bodenfreiheit aus, als an einem russischen Jeep. Mehrfach mussten wir unsere Köpfe schütteln oder gar wegschauen, ehe wir wohlbehalten vor Amraas und Baagiis Oase abgesetzt wurden um unsere letzte Etappe in der Mongolei zu planen. Den Endtermin unseres 60-tägigen Visums wollten wir nicht unnötig strapazieren zumal auf eben dieser letzten Etappe noch ein paar Kilometer Richtung Süden durch die Ausläufer der Wüste Gobi zu bewältigen waren. China war unser nächstes Ziel, das wir in knapp zehn Tagen erreichen wollten.

 

Der Abschied von Amraa und Baagii war herzlich und unerwartet emotional. Die Zeit bei den beiden wird für uns unvergessen bleiben. Unvergessen sind auch die leckeren „Züpfen“, Brote und Gratins die Barbara und ich (ja, es war mehr Barbara) in Baagiis Stolz – seinem neuen Backofen – zubereiten durften. Der Duft frischer „Züpfe“ am Morgen ist fern ab der Heimat übrigens um ein Vielfaches intensiver, ehrlich!

 

Nach anfänglichen hügeligen Etappen wurde es zunehmend flacher und karger. Die Fahrt von der Steppe durch die Steppe in die Steppe war schon fast meditativ. Die Suche nach geeigneten Schlafplätzen war nicht immer einfach, denn Windschutz, den wir dringend benötigt hätten, fanden wir kaum. A propos Wind: Dieser war anfänglich gegen uns, dann mit uns und zwar so stark, dass wir unser Zwischenziel, Sainshand, früher erreichten als geplant, und dann wieder gegen uns. Ab Sainshand mussten wir erneut Proviant und Wasser für drei Fahrtage bunkern. Dass dies neben all unserem sonstigen Gepäck zusätzlich auf unseren Fahrrädern Platz fand, hat nicht nur uns einmal mehr, sondern auch die Mongolen vor dem kleinen Einkaufsladen in Sainshand ins Stauen versetzt.

 

Den chinesischen Windpark haben wir schon von weitem entdeckt, doch dazwischen lag noch eine fiese Sand- und Schiebepassage sowie die mongolisch-chinesische Grenze. Wir sind also angekommen in Zamyn-uud, dem letzten Ort vor der Einreise nach China. Einmal mehr stellen wir uns Fragen über das Bevorstehende, das Neue. Gibt es den chinesischen „Anstandswauwau“ wirklich? Wie klappt wohl die Verständigung? Wie ist der Verkehr und wie sind die Strassen? Wie können wir den Hunden im Topf aus dem Weg gehen? Daneben blicken wir auf eine unglaublich eindrückliche und intensive Zeit in der Mongolei zurück. Die Hochs waren wirklich hoch und die Tiefs hätten tiefer kaum sein können – eine Breite die wir beide beim Reisen bis anhin noch nie erlebt hatten. Wir haben gelernt oder festgestellt, dass wir mit wirklich wenig auskommen können, dass Pasta mit Knoblauch und ein paar Tropfen Sojasauce mehr als lecker ist, dass sonnenwarmes Wasser auch schmeckt, dass Gegenwind wirklich unangenehm ist, dass Rückenwind die Pläne durcheinander wirbeln kann, dass unsere Räder (abgesehen im Sand) auch mit etlichen Extrakilos gut fahrbar sind, dass wir beide es nach wie vor gut haben zusammen, dass wir nun definitiv rüttelerprobt sind und dass die Zeit in der Mongolei sehr lohnenswert war, wir uns aber sehr auf das bevorstehende Chinaabenteuer freuen.

 

Nach einer Nacht in einem billigen grenznahen Hotel standen wir frühmorgens mit Sack und Pack ausreisefertig am mongolischen Grenzposten. Die Kleiderkombination aus Jogginganzug, Militärklamotten und Baseballmützen der dort postierten Männer liess uns anfänglich etwas zögern. Die Frage ob wir am richtigen Ort sind, wurde jedoch rasch bejaht, denn die Herren organisieren lediglich die Transportfahrzeuge für die grenzübertrittwilligen Personen. Die Grenze zwischen der Mongolei und China darf nur mit motorisierten Fahrzeugen passiert werden. Für 10 US-Dollar war ein eben solches Gefährt für uns rasch organisiert und wir mussten unsere Räder mit all unseren Taschen in den russischen Jeep verladen. Wie es sich herausstellen sollte, war dies nicht die letzte Verladeaktion. Insgesamt mussten wir unser Hab und Gut dreimal ein- und ausladen, dreimal durch enge Zollkontrollräume schleusen und dreimal röntgen lassen. Daneben mussten wir dreimal unsere Pässe zeigen, einmal etwas bezahlen (keine Ahnung für was), lustigerweise nur einmal etwas auspacken. „Something iron“ hat das Interesse der chinesischen Grenzbeamtin geweckt. Gemeint war das Velowerkzeug zuunterst in der einen Fahrradtasche, das sie dank ihres Röntgenapparates entdeckt hat und unbedingt sehen wollte. Wir hatten uns ja einstellt auf einen langwierigen Grenzübertritt und fischten das Geforderte lächelnd heraus. Im Nachhinein haben wir etwas Mitleid mit den armen Beamten mit ihrem wirklich langweiligen Job, insbesondere mit jenen die das Filmmaterial unseres Grenzübertritts auswerten mussten. Beim Anstehen vor dem finalen Chinesenposten in der wunderschönen, hellen mit Marmorböden versehrten Halle, stellten wir fest, dass eben diese Halle mit über 50 Videokameras überwacht wird. Man stelle sich die Datenmenge vor, die hier täglich produziert  und möglicherweise auch ausgewertet wird. Das zieht einem ja wirklich die Augenwinkel nach hinten... Und dann war der Moment gekommen. Ein letztes Mal alles in den Jeep rein und wir waren drin im Reich der Mitte. Dem Fahrer haben wir bei der erstbesten Gelegenheit gedeutet, dass er uns rauslassen kann aus seinem engen Fahrding. Wir bevorzugen es nach wie vor mehr auf unseren eigenen Rädern zu sitzen.

 

Auf das was nun kommen sollte, waren wir trotz diversen gelesenen Berichten nicht wirklich vorbereitet. Die Strassen waren breit, sauber und von exzellenter Qualität. Zudem waren sie mit Alleen gesäumt oder sonst irgendwie begrünt. Steppe und Staub existierte auf einmal (zumindest in der Stadt, so unsere spätere Erkenntnis) nicht mehr. Die zweirädrigen Fahrzeuge waren leise, sehr leise. Elektromopeds summten kaum hörbar an uns vorbei. Die Menschen lächelten, winkten und grüssten uns zu. Leuchtreklamen und Tafeln waren überall und in grosser Zahl vorhanden. Unser Erscheinen hat überall grosses Aufsehen erregt und wir wurden zum begehrten Fotoobjekt. Zwischen Zamyn-uud und dem chinesichen Erenhot liegen kaum mehr als 10 Kilometer Distanz. Dennoch tickt die Welt hier auf der chinesischen Seite urplötzlich total anders. Nach fast zwei Monaten in der Mongolei erscheint uns der chinesische Departement Store wie ein Paradies auf Erden (entsprechend schwer mussten wir schleppen, bis wir endlich in unserem gemütlichen Hotelzimmer zurück waren, entsprechend schlecht haben wir aber auch geschlafen mit unseren übervollen Bäuchen...).

 

Kurz nach Erenhot passierten wir diverse Dinosaurierskulpturen. Die Gegend ist bekannt für zahlreiche Ausgrabungen von Überresten solcher Urtiere. Auf der Weiterfahrt südwärts – wir peilen Peking an – stellen wir fest, dass sich nicht alles geändert hat. Nach wie vor fahren wir in der Steppe, nach wie vor prägen Schaf- und Ziegenherden das Landschaftsbild, nach wie vor sind die Lastwagen überladen und kommen nur mit grosser Mühe die Steigungen hoch. Die Strassen sind aber merklich besser und die Einkaufsmöglichkeiten sowohl zahlreicher vorhanden als auch besser sortiert. So gibt es hier beispielsweise vakuumverpackte, vorgekochte Hühnerfüsse. Dass wir beide auch eine gute Figur als Pfadfinder abgeben würden, könnte zumindest die junge Kaschmirziege irgendwo zwischen Erenhot und Sönid Yuoqi nur zu gut bestätigen. Mit ihrer feinen Wolle hat sie sich in Teilen eines alten Zaunes verfangen, war mehr oder wenig bewegungsunfähig und gab ein jämmerliches Bild ab. Dass wir sie davon befreit haben ist Ehrensache. Hungrig hat sie sich unmittelbar nach der Befreiungsaktion auf die erstbesten trockenen Grasbüschel gestürzt. Gleichzeitig hat es uns aber auch in der Art und Weise des Reisens bestätigt. Wir sehen Dinge, die aus einem Auto nicht erkennbar sind, wir können anhalten wo wir wollen, wir kommen unglaublich rasch und viel in Kontakt (nicht nur mit Ziegen) und wir sind unabhängig und flexibel. Einzig bei schlechtem Wetter und starkem Wind denken wir oft an unsere gemütlichen „Bössliferien“ in Skandinavien.

 

Auf der Weiterfahrt Richtung Süden verlassen wir allmählich die Steppe und kommen stattdessen ins chinesische Agrarland. Es ist Erntezeit und viele Menschen sind auf ihren Feldern. Vieles wird in Handarbeit erledigt. Die Ernteerzeugnisse werden meist mit kleinen aber sehr lauten einachsigen Traktoren transportiert. Diese eignen sich übrigens auch tipptopp zum Korndreschen. Auf einem geeigneten Platz wird das Getreide ausgestreut ehe dieses wohl während Stunden mit dem Minitraktor samt Wagen bearbeitet wird. Konkret will das heissen, dass in mehr oder wenigen grossen Kreisen in immer derselben Richtung über das Getreide gefahren wird. Uns wurde schon fast schwindlig vom Zusehen.

 

Die zunehmende Bevölkerungsdichte, das durchaus gut vorhandene Angebot an erschwinglichen Übernachtungsmöglichkeiten sowie die spannende Auswahl an Essen hat uns veranlasst, auf das Zelten in China zu verzichten. Übrigens: nicht nur die breite Essensauswahl war spannend, sondern oder besser insbesondere, auch die Wahl des entsprechenden Essens. Mit Englisch ging meist gar nichts. Mit Händen und Füssen nur wenig, da uns der Wort- bzw. Zeigeschatz für chinesische Gerichte fehlten. Oder anders gefragt: Wie würdet ihr einem Chinesen mit stickenden in Veloschuhen steckenden Füssen erklären, dass ihr gerne ein Nudelgericht mit etwas Gemüse aber ohne Fleisch essen möchtet?

 

In Xianhuang Qi, wir waren eigentlich am Einchecken in unser Hotel, machten wir Bekanntschaft mit der Polizei. Das Einchecken zog sich ohnehin schon unglaublich in die Länge und die Dame am Tresen war aufgrund unseres Erscheinens irgendwie nervös. Kurz darauf tauchten zwei uniformierte Beamte auf, die in für uns unverständlichem Chinesisch auf uns einredeten. Wir ahnten Böses bis einer der Beamten David sein i-Phone hinstreckte und deutete er solle telefonieren. Wenn es schon mit Händen und Füssen nicht klappte, wie soll dann das Telefonieren von statten gehen? Auf der anderen Seite war eine freundliche Frauenstimme zu vernehmen, die in gebrochenem Englisch erklärte, dass die Polizisten zwecks Registrierung lediglich eine Kopie unserer Reisepässe benötigten. Da das Hotel über keine Kopiermaschine verfügte, würden sie unsere Pässe hierfür kurz mitnehmen. Uns war das Ganze nicht geheuer und so kramten wir unsere für eben solche Fälle angefertigten Kopien der Pässe hervor. Das Ganze endete mit einem freundlichen und dankenden Händeschütteln und die Uniformierten zogen samt Passkopien von dannen. Wir konnten uns anschliessend endlich den schönen Dingen wie einer warmen Dusche und einem erneut spannenden Restaurantbesuch widmen. Dass ein Hotpotrestaurant (wir haben dies leider zu spät realisiert) vor allem auf Fleischgerichte spezialisiert ist, entsprach nicht ganz unseren damaligen Vorstellungen. Dass wir aber trotzdem satt wurden und stattdessen herrliche Beilagen baden konnten, zeigt wie flexibel Chinesen sind. (Ein chinesischer Hotpot nennt man in unseren Breitengraden „Fondue chinoise“ – noch naheliegend, nicht? Das was in der heissen Brühe gebadet wird unterscheidet sich jedoch ziemlich stark von „unserem“ Fleischfondue.)

 

In Huade kamen wir das erste Mal in den Genuss eines richtigen chinesischen Frühstückbuffets. Der Frühstückssaal war voll mit laut schmatzenden, schlürfenden, diskutierenden und gestikulierenden Chinesen, dies obwohl wir das Gefühl hatten als einzige Gäste im Hotel übernachtet zu haben. Rasch bemerkten wir, dass wir mitten in einer Art öffentlichen Frühstückskantine waren, die hauptsächlich von Einheimischen besucht wurde aber trotzdem irgendwie zum Hotel gehörte. Es war äusserst amüsant, wenn jedoch auch nicht gerade unbedingt sehr appetitanregend, dem Treiben zuzusehen. Gegessen wird in China laut und vor allem schnell, sehr schnell! Faustgrosse Dumplings verschwinden in zwei Bissen im Mund, ehe unmittelbar Gemüse oder Reis nachgeschreddert wird. Die Essensschale wird dabei direkt an den Mund geführt und mit den Stäbchen wird das Futter in diesen bzw. in die bereits übervollen Wangen hineinbuksiert. Dass man sich derweil auch noch laut mit den Tischnachbarn unterhalten kann, versteht sich von selbst. Für uns nur schwer vorstellbar, dass vom Gesprochenen auch irgendetwas verstanden wird. Nach dem Mahl sind Böden und Tische mit Tellern und Schalen, mit Essensresten, mit Servietten und mit Zahnstochern geradezu überhäuft. Eine Putzequipe ist notwendig, den Tisch für die neuen Gäste herzurichten. Aber auch dies geschieht in Windeseile. Genuss sieht für uns anders aus, dies obwohl die Gerichte überaus aufwendig und schmackhaft zubereitet sind. Dank unserem gemächlicheren Essenstempo können wir dem Treiben lange zusehen und den Wechsel mehrerer Essensschichten mitverfolgen. Die föhnfrisierte Chefaufseherin des Buffets hat rasch herausgefunden, dass wir mit Rädern sowie Sack und Pack unterwegs sind und sogleich veranlasst, dass wir zusätzlich zu unseren vollen Bäuchen auch eine gehörige Portion an Reiseproviant von der tollen Auslage mitnehmen konnten. Eine tolle Geste, die wir sehr zu schätzen wussten. Noch kurz im Tante Emma Laden die Wasserreserven aufgefüllt und es konnte losgehen auf der Fahrt weiter Richtung Peking. Doch bevor es tatsächlich soweit war, gab es erneut Zoofeeling zum Nulltarif. Geschätzte 60 Chinesen bildeten einen engen Kreis um die da eben aus dem Laden herausspazierten Westler (damit gemeint sind wir), begleiteten sie zu ihren schwerbepackten zweirädrigen Fahruntersätzen und staunten wie die eben erstandenen Wasserreserven auf den Fahrrädern verstaut wurden. Rauchend, diskutierend und vor allem lachend haben sie zugeschaut und gewunken, als die zwei komischen Kauze auf ihren Rädern loszogen.

 

Vergangen ist uns das Lachen beim Markbesuch in Zangbei. Die Markthalle war nicht nur gespickt mit Leckereien. Neben frischem Gemüse und Obst bot die Auslage auch vieles, das uns und unseren Vorstellungen von Essbarem nicht wirklich entsprach. Aber es waren nicht nur die für uns unappetitlichen Auslagen, sondern vielmehr die Art und Weise wie mit den meist noch lebenden Tieren umgegangen wird. Auf unseren Reisen nach Südostasien haben wir zwar schon viel erlebt und oft Stunden auf den lokalen Märkten verbracht. Hier in Zangbei wollten wir in erster Linie vor allem eines: weg aus dem Gestank und weg von den leidenden und vor sich hin vegetierenden Tieren.

 

Die Gegensätze in China sind immens. Am Morgen noch durch landwirtschaftlich geprägte Gegenden radelnd, schlängeln wir uns mittags bereits durch eine der zahlreichen Millionenstädte. Blinkende Leuchtreklamen, schrille Musik, Verkehrslärm und -chaos, nicht entzifferbare Wegweiser und nicht zuletzt einfach unglaublich viele Menschen prägen urplötzlich die Szenerie. Bei der Suche nach einer geeigneten Unterkunft waren wir nicht selten auf Hilfe angewiesen. Entweder suchten wir in den falschen Quartieren nach diesen oder wir konnten nicht entziffern, dass es sich um eben eine mögliche Bleibe handeln würde, oder (und das was das Schlimmste!) die wollten uns nicht aufnehmen! Erst später haben wir erfahren, dass die Hotels spezielle Bewilligungen benötigen um Ausländer nächtigen lassen zu dürfen. Hilfsbereit waren sie aber allemal die Chinesen. Mehrmals wurden wir mit Auto oder gar einem Taxi vor die ersehnte Beherbungsstätte eskortiert, die sich nicht selten als gehobene Mehrsternloge entpuppte. Man stelle sich das Bild vor: zwei stinkig-staubige Radler schieben ihr ebenfalls staubiges Gefährt mal eben am Empfangsbuttler des Bellevue oder des Beau Rivage vorbei in die mit Marmorböden versehene Eingangshalle (samt Kronleuchter, netten Empfangsdamen und einem nervösen Gepäckträger, der schon Böses ahnt; an jedem Rad sind immerhin sechs Taschen montiert...).

 

Auf der Fahrt nach Peking haben wir aber nicht nur keimfreie Hoteloasen besichtigt. Nein, wir haben zeitweilen auch richtig viel Staub und Dreck geschluckt. Insbesondere auf der Etappe ab Xuanhua wurde es arg grenzwertig. Unsere Route führte uns mitten durch ein Kohleabbau- und Verwertungsgebiet. Fabriken, LKW’s und unendlich viele Gruben und Kohleberge säumten den Weg. Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir bei einem Zwischenstopp unsere dreckverschmierten Gesichter entdeckt haben – Kaminfeger lässt grüssen. Nein, wir wollen auch gar nicht wissen was sich alles in unseren Lungen abgesetzt hat, bzw. um wieviele Jahre wir gealtert sind.

 

Langsam aber sicher näherten wir uns der Megastadt Peking. Vor dem Einrollen in der Hauptstadt wollten wir jedoch noch einige Abschnitte der Grossen Mauer genauer inspizieren und so peilten wir den Ort Badalin an, der sich hierfür bestens anbot. Dank einer Unterkunft direkt vor den Toren des für die Besichtigung freigegebenen Mauerabschnitts, entfiel ein weiterer Transport und wir konnten zu Fuss losziehen. Für die Besichtigung haben wir bewusst einen nicht restaurierten Abschnitt der Mauer gewählt. Dass dies gleichzeitig auch die Mehrzahl der Besucher abgehalten hat, entpuppte sich als Glücksfall. Fast alleine konnten wir Stunden auf dem gigantischen Bauwerk verweilen. Wir stiegen hoch und höher, genossen die schöne wenn leider auch etwas dunstige Aussicht, assen unser mitgebrachtes Picknick oder liessen einfach nur die Seele baumeln.

 

Wieder auf den Rädern konnten wir tags darauf nur erahnen, wie es auf dem touristischen Teil der Mauer in Badalin zu und her gegangen ist. Die Carparkplätze waren allesamt vollgestopft und Heerscharen von Menschen folgten ihren jeweiligen mit Megaphonen und Fähnchen bewaffneten Leithammeln, die ihrerseits sowohl die Lautsprecher ihrer mitgeführten Geräte sowie auch die Ohren der Zuhörer auf deren Lärmresistenz testeten. Das Knipsen der unzähligen Kameras (Verhältnis Fotokamera zu Chinese: 2 zu 1) ging im Umgebungslärm völlig unter. Uff, waren wir heilfroh, dass wir uns das nicht antun mussten. Das Lächeln auf unseren Stockzähnen hat fast bis nach Peking gehalten.

 

Das Einradeln in Peking haben wir uns definitiv anders vorgestellt. Stinkig, dreckig und voller Smog soll sie ja sein die ehemalige Olympiastadt und wegen des andauernden Verkehrschaos alles andere als velotauglich. Wir jedoch wurden eines Besseren belehrt und haben die Fahrt auf den breiten Velospuren schon fast genossen. Dass jede Kreuzung über eine spezielle Veloampel verfügt, hätten wir definitiv nicht erwartet. So sind wir angekommen in der unglaublich grossen Stadt, die deutlich grüner und velofreundlicher ist, als wir es erwartet hätten. Für die nächsten Tage hatten wir uns ein Hostel direkt im Hutong-Viertel vorreserviert. Von dort aus konnten wir Ausflüge auch zu Fuss machen. Unter anderem besuchten wir die Verbotene Stadt, den Tiananmen-Platz, die Hutongs, das Soho-Viertel, diverse Märkte (auch hier waren teils starke Nerven gefragt, oder würdet ihr bei lebendigem Leib aufgespiesste Skorpione nach einem anschliessenden Bad in der Fritteuse verkosten wollen?) und Restaurants. Ach ja, und da war ja noch der Coiffeurbesuch von David, erneut verbunden mit dem bereits weiter oben erwähnten Hand-, bzw. Fussthema. Nach ein paar Minuten „verhandeln“ (nicht um den Preis...) surrte der laute Apparat auf Davids Rübe. Klack, was war denn das? Ach ja, kein Problem, es war nur der Aufsatz der Domdeuse der soeben auf den Fussboden gefallen war. Also genau das Ding, das die Schnittlänge bestimmt. Oder anders gesagt genau das Ding, wenn nicht vorhanden, einen Kahlschlag verursacht. Da dieses blöde Ding angeblich nicht mehr richtig fixiert werden konnte, ging es fortan nur mit Maschine und Kamm weiter. Das Resultat konnte sich sehen lassen. Davids Nackenhaaransatz wurde ohne mit der geschlitzten Wimper zu zucken um mehrere Zentimeter weiter nach oben versetzt. Zuerst auf der linken, dann anschliessend etwas zögerlicher, auch auf der rechten Seite. Dank der hellen Kopfhaut wurde das Werk bildhübsch in Szene gesetzt. Die umgerechneten Fr. 3.75 waren bei nichten ein Trost für das lausige Resultat und David war heilfroh, mal gut und gerne ein paar tausend Kilometer fern ab der Heimat zu sein und vor allem zu bleiben.

 

Für die Weiterreise nach Süd-West-China (wir planten einen Abstecher in die Region rund um Guilin) mussten wir Sack, Rad und Pack in ein Flugzeug verfrachten. Im Fahrradgeschäft einer westlichen Marke konnten wir zwei grosse Kartons erstehen um diese, wieder zurück im Hostel, mit unseren in diverse Einzelzeile zerlegten Räder zu befüllen. Etwas nervös, ob diese den Transport tatsächlich auch unbeschadet überstehen werden, machten wir uns tags darauf in einem Extrataxi auf den Weg Richtung Flughafen.

 

In Guilin angekommen – die Räder haben alles unbeschadet überstanden – staunten wir nicht schlecht ob der bizarren Karstlandschaft. Gleichzeitig wurde uns aber auch mehr und mehr vor Augen geführt, dass die goldene Woche (also Chinas Ferienwoche um den 1. Oktober) unmittelbar bevorstand. Schrill, laut und eng war es in den Gassen von Guilin. Da war der lohnenswerte Tagesausflug zu den Drachenknochen Reisterrassen eine richtige Wohltat.

 

Nach ein paar Tagen in und um Guilin machten wir uns auf in Richtung Yangshuo. Wir genossen die Fahrt auf unseren Rädern durch die einmalige Landschaft des Li-Flusses. Das Treiben in Yangshuo war jenem eines Jahrmarktes sehr ähnlich. Das in Guilin erlebte wurde hier bei weitem übertroffen. Anscheinend wollen alle Chinesen (und da gibt es ja bekanntlich viele davon) in Yangshuo die Tage der goldenen Woche verbringen. Eigentlich haben sie ja recht, denn schön ist bzw. wäre es hier. Nur leider hat es nicht Platz für alle in den engen Gassen. Wir entflohen dem Gedränge indem wir tagsüber schöne Velotouren machten oder aber einfach die Zeit auf der Terrasse unseres etwas abgelegenen Hostels genossen. Nach ein paar Tagen zogen wir weiter via Fuli nach Xingping. In Fuli besuchten wir den lokalen Markt und mussten ein weiteres Mal feststellen, dass es auf dem „Bärner Märit“ gesitteter zu und her geht.

 

Auf dem bewusst gewählten Umweg nach Xingping genossen wir die Fahrt durchs Hinterland und kamen in den Genuss toller Aussichten auf den Li-Fluss. Wir trafen auf Bauern mit Ochsen, auf Bäuerinnen, die stolz ihre vollen Körbe nach Hause trugen und vor allem sahen wir eine wunderbare und einmalige Karstlandschaft. Nicht schlecht gestaunt haben wir als wir bemerkten, dass im Velounterstand unseres Hostels zwei Räder derselben Velomarke wie wir sie fahren, abgestellt waren. Da es sich hierbei um in der Schweiz handgefertigte Räder handelt, mussten dies ebenfalls Schweizer sein, so jedenfalls unsere logische Schlussfolgerung daraus. Mit Nora und Miguel haben wir ein tolles, sehr reiseerproptes Paar in unserem Alter kennengelernt. Seit über eineinhalb Jahren waren sie bis dahin bereits mit ihren Rädern unterwegs. Nicht nur sie, sondern auch wir genossen das Plaudern und den Austausch auf Schweizerdeutsch sehr. Eine schöne Begegnung mit zwei spannenden Menschen. Vielen Dank euch beiden, es waren tolle Stunden, die wir genossen haben. Wieder in der Schweiz geht die erste Runde Nussgipfel auf uns!

 

Die Tage in Xingping waren nicht nur dank Nora und Miguel kurzweilig. Wir nutzten auch die Gelegenheit, die Gegend zu Fuss zu erkunden. Wiederum konnten wir uns kaum satt sehen an der Vielfalt der sehr beeindruckenden Karstlandschaft. Dass David die immerfort „Hello Bamboo“ rufenden Chinesen (damit wollten sie uns im 2-Minutentakt eine oder mehrere Fahrten mit einem Bambusfloss auf dem Li-Fluss anpreisen) hin und wieder freundlich darauf hingewiesen hat, dass ihre Flosse ja gar nicht aus Bambus, sondern aus billigem Plastik hergestellt sind, fanden sie weniger lustig. Aber immerhin, das laute und lästige Anpreisen fand ein Ende.

 

Der Abschied von Nora und Miguel erfolgte nur auf Zeit. Sowohl sie wie auch wir hatten Hongkong als Zwischenziel eingeplant, so dass wir uns in ein paar Tagen wieder sehen konnten. Trotzdem kamen die beiden erst spät von uns los, als sie dann endgültig in Richtung Yangshuo aufbrachen. 

 

Unsere Weiterreise führte uns vorerst aber wieder nach Guilin. Dort wollten bzw. mussten wir einen Grossteil unserer Reiseutensilien auf Hochglanz polieren um so die strengen Einreisebestimmungen für Neuseeland zu erfüllen. An Zelt, Taschen, Schuhen und Fahrrädern haben wir fast zwei Tage geschrubbt, ehe die Räder erneut in ihre Transportkisten verpackt wurden. Die Kisten sollten, so unser Plan, in Hongkong geschlossen bleiben.

 

Nach einem weiteren Flug und ein paar Batzen weniger im Reiseportemannaie (es galten andere Übergepäckbestimmungen als angenommen) erreichten wir ungeduldig die Stadt Hongkong. Auf das Wiedersehen mit Barbaras Eltern haben wir uns schon lange gefreut. Auch sie wollten mal Chinesenluft schnuppern und haben extra hierfür einen mehrstündigen Flug auf sich genommen und sind zu uns geflogen. Das Wiedersehen war unglaublich schön und die gemeinsame Zeit beim Bummeln durch die Stadt, beim Apéro auf der Hotelterrasse, beim Schlemmen am Frühstücksbuffet, beim Staunen auf dem Peak, beim Lästern auf den Märkten oder beim Lachen in den Restaurants (ja, essen mit Stäbchen ist angesagt) haben wir mehr als genossen. Ein unvergessliches Erlebnis – vielen Dank für alles!

 

Nachdem der eine Teil der Reisedelegation in Richtung Schweiz aufgebrochen war, machten auch wir uns auf um weiter zu ziehen. Mit Neuseeland als Bestimmungsland, startete am 25. Oktober 2014 unsere letzte Reiseetappe. Bei herrlichem Sonnenschein schraubten wir nach einem ruhigen Flug direkt am Flughafen unsere Räder zusammen und machten uns auf in Richtung Auckland Down Town. Überwältigt von den tollen Farben (es war seit Wochen das erste Mal, dass wir keinen Dunst sahen) und der frischen, guten, sauberen Luft, nahmen wir den kleinen Umweg abseits des Hauptverkehrs gerne in Kauf. Mit gutem Gewissen konnten wir folgendes in unser Tagebuch schreiben: „Neuseeland empfängt uns mit Sonne“. Dass dies leider nur von kurzer Dauer war, stellten wir bereits tags darauf fest. Grau war es bei der ersten Stadtbesichtigung, nass und kalt als wir loszogen in Richtung Coromandel Halbinsel. Wechselhaftes und kaltes Wetter sollte uns auf den ersten Wochen auf Neuseeland begleiten.

 

 

Auckland, 28.10.2014